Wie das im Leben so läuft. Am Tag meines Weggangs vom Zauberberg hatte ich den ultimativen Text im Kopf, am Tag danach hörte ich noch ein Echo davon und heute kreischen und rattern nur noch die Mühlen des Alltags.
Ich sah auf meine Lebenslandschaft am Ende des Kriegs. Letzte Scharmützel der Unbelehrbaren. Trümmer. Gestank. Trauer. Erfahrung. Weiter Blick. Freiheit für den Neuanfang. Die Erkenntnisl, daß ich mir das alles hätte sparen können, wenn ich endlich ein Gefühl dafür entwickeln könnte, wann Schluß ist. Ich konnte noch nie Finale inszenieren, es war immer ein rechtes Gezerre, Gehänge und Gewürge, bis ich sagte: Ich mag nicht mehr.
Der Zauberberg hat mir neben einem für mich unerwarteten Gefühl von Aufgehobensein in der Gemeinschaft vor allem Innensichten beschert, die ich sonst nie bekommen hätte. Man agiert selten so weit jenseits von störenden Einflüssen.
Was ich gelernt habe?
Ich liebe Ordnung. (Ich! Haha!)
Ich kenne gern präzise meine Grenzen, lege sie aber in der Regel gern selbst fest.
Ich muß nicht viel reden, schon gar nicht auf der Beziehungsebene.
Ich schätze es, wenn die anderen verläßlich da sind.
Ich kann gut mit Männern,(Hahahaha!) die reden auch nicht viel und sind pragmatisch, außerdem genieße ich als einzige Frau in einer Männergruppe meinen Exotenstatus.
Ich kann weniger gut mit Frauen. Warum, weiß ich nicht.
Ich habe kein Problem mit Autoritäten, denn ich fürchte sie nicht.
Ich verpflichte mich zu schnell.
Ich unterscheide zu wenig zwischen meinen Angelegenheiten und denen der anderen.
Ich bin scheußlich konfliktunfähig, aber nicht harmoniesüchtig.
Ich strenge mich ungern an, kann mich aber leidenschaftlich in Themen verbeißen, wenn sie mir Spaß machen.
Ich bin eitel und liebe die Anerkennung anderer.
Ich brauche eine lange Zeit, bis ich mit anderen warm werde.
Ich bin nach wie vor eine Solistin.
Hier enden die Aufzeichnungen vom Zauberberg. Zeitweise haben wir gescherzt, daß die drei Flure, die auf den Glaskasten im Atrium zulaufen, Teile eines Raumschiffs sind. Ich faselte von Zeitschleifen am Ende der Gänge und Hibernierten, die in ihren Betten über Tage verschwanden.
Mars an Erde +++ Die neue Mission beginnt! +++ Mars Ende.
ziemssen - 1. Mrz, 23:06
Nun also eines der Ziehkinder.
ziemssen - 25. Feb, 11:40
Der nächste, der fragt: "Was hatten Sie eigentlich in den letzten Wochen?" Der sich zu dieser Frage veranlaßt sah, als ich ihm sagte, daß ich es langsam angehe und nicht parallel ein Filmfestival besuche und Full-Time-Bürozeit erledige.
Einer, dem ich gerade ehrlich, aber nicht detailliert Auskunft gegeben habe, weil ich ohnehin überlege, ihn wegzuschicken, denn meine dreijährige Arbeit für ihn ist wenig erfolgreich gewesen. Aber er ist keiner der narzisstischen Nervbolzen, sondern ein warmherziger, klarer Mensch.
Ich bin sicher, daß er sich demnächst ohne weitere Angabe von Gründen freundlich verabschieden wird.
Da ich nun nicht unbedingt in einem Projekt-Job bin, wo durchaus mal vier Wochen Rund-um-die Uhr-Arbeit normal sind, sondern permanent ansprechbar sein muß, halte ich es (mittlerweile) für legitim, mir meine Kräfte einzuteilen. Ich bin gespannt, wie meine Umwelt darauf reagiert.
ziemssen - 22. Feb, 18:34
Täglich einen Schnipsel vom immer kürzeren Bandmaß abschneiden.
Die letzten Dinge erledigen: Konzentrationsvermögen per Mensch-ärger-dich-nicht und Trominos schulen, dabei mächtig mit der kleinen Allianz lachen. Den Depressiven weiträumig aus dem Weg gehen, denn sie nerven mich zusehends, vor allem die, die genauso lange wie ich hier sind und alle Mittel einsetzen, um noch bleiben zu dürfen.
Die Träume verarbeiten, die ich jede Nacht habe. Mächtige Träume in Dolby Surround und Technicolor. Da ist Avatar n Scheiß dagegen.
Auf die kleine Wohnung freuen, die mir bald zur Verfügung steht. Erste Pläne dafür machen.
Organisatorisches: Amt, Anträge, Papierkrieg. Grmpf.
ziemssen - 22. Feb, 09:44
Die erste Kündigung der Zusammenarbeit ist eingetrudelt. Jemand, der extrem viel Support brauchte, mir aber nie einen Cent eingebracht hat.
Bei ihm hatte ich den Versuchsballon "ehrliche Ansage" gestartet und ihm berichtet, daß ich mehrere Wochen wegen Burnout in Behandlung war. Das Ergebnis war erwartungsgemäß. Erst wünschte er mir gute Besserung, dann fragte er an, ob es mir wieder gut ginge, nun die Kündigung mit der Klage, er hätte mehr Betreuung und Aufmerksamkeit nötig.
ziemssen - 19. Feb, 18:55
Man mußte mich nicht erst sanft darauf hinweisen, daß der Schlachtplan für die nächsten Monate ein ziemlich viele Baustellen aufmacht.
Job A abwickeln
Job B etablieren
Job C als Hobby nicht aus den Augen verlieren
Büro/Wohnung einrichten
für weitere Genesung sorgen
die Launen des Gefährten souverän an mir abperlen lassen
fünf Kilo abnehmen
Spaß am Leben haben
mit sehr wenig Geld über die Runden kommen
Dabei bin ich derzeit noch nicht einmal in der Lage, mich des Endlosgeplappers meiner Zimmergefährtin zu erwehren. In der Nähe von Menschen kann sie keine Sekunde den Mund halten und ich habe den Eindruck, daß sie allein überhaupt nichts mit sich anfangen kann.
Aber das sind Probleme anderer Leute. Wenn ich sie ignoriere und in mein Buch starre, fängt sie irgendwann auch an, sich still zu beschäftigen - bis zur nächsten Bewegung von mir.
ziemssen - 19. Feb, 16:19
Nun ist hier endlich mal wieder ein echter Psycho aufgeschlagen. Ein riesiger, schwabbeliger Tanzbär, die Hose um die Körpermitte festgezurrt, die Fettschürze hängt unterm Gürtel und die Hosenbeine enden zehn Zentimeter überm Knöchel. Wenn er läuft, bewegen sich lediglich schlurfend die Beine, alles andere Hängt herunter, Mimik hat er keine und die Stimme ist eine gequetschter Diskant. Der einzige Satz, den er bisher freiwillig sagte war: "Morgen nachmittag kann ich nicht, da kommt meine Mutter."
Er ist Psychotiker und hört Stimmen. Obwohl reichlich Betten frei sind, wurde er im Zimmer eines älteren Sensibelchens einquartiert, der sich seit Wochen um die Entlassung drückt, weil er Panik hat, zu Hause allein zu sein. Dort liegt er am Tag mit offenen, in der Nacht mit geschlossenen Augen auf dem Bett, schnarcht, hyperventiliert, alpträumt schreiend und weigert sich, das Fenster zu öffnen, weil die Stimmen dann lauter werden.
Die Interventionen des Sensibelchens, diesen wirklich Verrückten in ein Einzelzimmer zu verlegen, werden allesamt abgeschmettert. Man winkt offenkundig nicht nur mehr mit Zaunpfählen, sondern mit ganzen Baumstämmen: Dann geh doch nach Hause!
ziemssen - 17. Feb, 22:16
Sie schnarcht wie ein betrunkener Bierkutscher.
Ich war entweder wach, suchte die Ohrstöpsel, drehte sie klein und verstopfte damit meine Ohren - bis sie beim nächsten Umdrehen wieder auf dem Kissen landeten - oder ich hatte Alpträume.
Die Nachtschwester hatte die Zimmertür verbarrikadiert, indem sie auf dem Flur Berge von Stühlen und Betten auftürmte. Eine altes Pärchen - er im Rollstuhl, sie mit graugelockter Perücke und nicht mehr gut zu Fuß - schlich sich trotzdem herein. Während er polternd aus dem Rollstuhl rutschte, schloß sie mir kraftlos die Hände um den Hals, wie um mich zu erwürgen, es wurde aber nur ein zittriges Streicheln daraus.
Im nächsten Traum füllte sich das Klinikzimmer mit immer mehr Betten und Menschen. Zuletzt waren es sieben. Wenn ich das Personal darauf ansprach, leugneten sie die Anwesenheit der zusätzlichen fünf Menschen oder versuchten mir zu erklären, das ich das jetzt aushalten müßte.
Ich ging auf die Suche nach einem leeren Zimmer, aber alles war überfüllt, sogar die Doppelstockbetten. In einem von ihnen lag ein schöner, nackter junger Mann, zum perfekten hysterischen Bogen geschlossen.
Nun redet sie wieder. Ihr Onkel ist Alkoholiker. Der Opa lebt nicht mehr. Sie kauft hochwertige Kindersachen im Internet. Ihr Mann braucht einen neuen Laptop und sie macht sich Gedanken, was gekauft wird, denn die Kinder gehen auch dran. Die Kinder. Ihr Lebensinhalt scheinen ihre Kinder zu sein.
Die letzte Frau, die ihre Kinder so ernst nahm,
endete mit ihnen in einem brennenden Auto.
ziemssen - 15. Feb, 09:05
Auf dieses Wochenende hatte ich mich sehr gefreut. Ich wollte lange zu Hause sein und mich dort endlich wieder einrichten. Aber irgendwie ist es doch schwieriger, als ich dachte.
Ich bin schnell zu ermüden, dünnhäutig und neige zur Reizüberflutung. Ich kann weder mentale und kommunikative Kapriolen meines Gesprächspartners souverän ausbalancieren, noch ausdauernd unterwegs sein und wenn mir der Kopf mit einem kurzen, nachhaltigen Übelkeits- und Schwindelschub per Körper signalisiert: Ende Gelände, muß ich mich schleunigst in reizarme Umgebung begeben. Das ist in jedem Fall ein guter Ausgangspunkt für ein Frührentnerdasein. - Postbeamter kann man ja heute leider nicht mehr werden.
Der erste geschäftliche Termin seit Monaten ist am Freitag zu meiner großen Freude sehr gut gelaufen. Solange mich niemand versucht, für sein Leben und seine Karriere verantwortlich zu machen, bin ich noch immer gut im Job. Das Helfersyndrom aber scheint in mir vollständig mumifiziert zu sein. Kann ich nicht mehr, will ich nicht mehr. Auf dem Ohr bin ich taub geworden.
Das Kind sucht intensiv nach einer Wohnung. Ich überlege derweil schon, ob ich es schaffe, die Wände allein glatt zu spachteln und welche Farbe ich dann streiche (Weiss, diskret mit Karamell abgetönt) und was ich vor allem mit dieser grottigen Kücheneinrichtung mache, ohne Geld auszugeben. Das schöne ist, das ich Zeit habe. Was für ein Luxus nach all den Jahren.
Leider bin ich in meinem Zimmer auf dem Zauberberg nicht mehr allein. Die Woche Ruhe war wunderbar. Nun teile ich das Zimmer mit einer ausgebrannten Zwillingsmutter meines Alters, die mir natürlich sofort in der ersten halben Stunde alles verraten mußte. Daß ihre Gynäkologin erst in der nächsten Woche einen Termin hätte... Daß sie ihren Sohn mit 14 immer noch von der Schule abholt, daß ihre Tochter mit 5 im Sterben lag und sie damals eine Lungenentzündung und einen Nervenzusammenbruch bekam und keiner ihrer Kollegen Verständnis hatte... Ohne Punkt und Komma. Ja springt mir doch gleich mit dem nackten Arsch ins Gesicht, das ist genauso distanzlos. Wie kann man nur fremden Menschen auf Anhieb alles mögliche erzählen? Im Gegenzug macht sie das Fenster zum Park mit der Jalousie dicht, weil ja jemand abends reinschauen könnte, wenn sie sich auszieht.
Ich hoffe nur, die stellen sie morgen ruhig, denn sie kann nichts als reden. Lesen und fernsehen geht wohl gerade garnicht.
Der Gefährte verzichtete heute sogar auf den Karnevalsumzug (wobei dem geborenen Rheinländer das Berliner Elend auch eher die Tränen in die Augen treibt) und fuhr mit mir nach Lehnin, wo wir gemeinsam bis zu den Knien im Schnee über wunderbar unberührte und verschneite Äcker stolperten. Was hab ich mich nach meinen Skiern gesehnt, die im Keller in Strausberg in irgendeiner Ecke klemmen.
ziemssen - 14. Feb, 21:26
Auch wenn ich bereits Sidesteps in die Welt dort draußen mache, bleibt mein Lebensmittelpunkt noch auf dem Zauberberg.
Mein betreuender Arzt schickte mich zwecks Aktivierung ins klinikeigene Fitness-Studio. Ein schnuckeliger junger Trainer nahm sich dort meiner an und war wohl recht froh, daß ich nicht sofort mit einer "ich kann nicht"-Liste kam (Arthrose, Osteoporose und Asthma zählte eine Dame neben mir als Grund auf, warum sie sich auf keinen Fall bewegen dürfte) und ich konnte in meinem Bestreben, ihm zu gefallen wohl kaum zu seinen Vorschlägen Nein sagen. Und so machte ich mit Schnuckelchen zusammen im Liebgestütz einbeinige Kniebeugen und Armstände und tänzelte, zur Brücke gebogen, mit den Beinen auf einem Medizinball. Seit gestern krieche ich mit dem Muskelkater meines Lebens die Gänge entlang und habe das Gefühl, ich bekomme eine Grippe. Höchste Zeit, sich richtig auszuruhen, denn Schnuckelchen hat derzeit keinen Dienst.
Dann könnte ich auch endlich meine gesellschaftlichen Schulden abarbeiten. Ich habe seit gut drei Wochen auf keine SMS oder Mail mit guten Wünschen und der Nachfrage, wie es mir ginge, geantwortet, weil ich dann nur über skurrile mentale Achterbahnfahrten hätte berichten können, statt planvoller Genesung.
Ich gehe jetzt ins Bett.
ziemssen - 11. Feb, 09:35