Wiederaufbau II

Es ist jetzt fast drei Jahre her, dass die Fronten nicht mehr zu halten waren. Vielleicht ist es an der Zeit, zu schauen, was in den letzten Jahren aus den rauchenden Trümmern entstehen konnte.
Es ist ein anderes Land geworden, sparsamer und nur mit dem Notwendigsten bebaut, mit vielen freien Ebenen, die langsam zuwachsen. Es gibt zartes Grün und erste Anmutungen von Idylle, die Vögel sind auch zurückgekehrt. Doch die Hügel und Teiche sind Bombentrichter, in der Tiefe liegen noch Granaten.
Ein halbes Jahr nach der Rückkehr vom Zauberberg habe ich einen klaren Schnitt gemacht. Ich habe mit meinem Job, der mich fast 15 Jahre begleitet hatte, abgeschlossen und meine Klienten um Auflösung der Verträge gebeten. Dann stürzte ich mich in eine neue Unternehmung. Plan A und B hatte ich also umgesetzt. Für Plan C waren weder Zeit noch Kraft. Die Vorbereitungen für den Abschied vom Gefährten hatte ich bereits getroffen, denn ich hatte mich ein halbes Jahr lang damit beschäftigt, die kleine Wohnung des Kinds herzurichten. Es brauchte uns beiden nur einen kleinen Anlass, einen Schuss friendy fire und ich war weg. Nun war ich allein auf 30 Quadratmetern, dort, wo ich ganz am Anfang meines Berufslebens schon einmal gewohnt hatte. Ich bekam sehr schnell mein erstes Projekt, begann zu arbeiten und surfte in den Nächten schlaflos im Netz. Als würde ich nicht mehr existieren, wenn ich zum Schlafen die Augen schließe.
Vielleicht waren es zu schnell zu viele Veränderungen. Mein Doc gab mir Tabletten, mit denen ich die Nacht fast scheintot verbrachte und am Tag wie durch Gelatine lief. Und ich tat das, was ich schon immer gut konnte: So weitermachen, als wäre nichts.
Bis zur Nacht der Wintersonnenwende. Schlafes Bruder ist der Tod. In dieser Nacht übernahm der Kamikaze in mir die Direktive, flog noch einmal mit dröhnenden Motoren eine Schleife und setzte zum wirkungsvollen Crash an. Freeze.
Ich war noch mal davongekommen. Hysterische Handlungen sind selten wirkungsvoll. Ich schlief drei Tage. Am Weihnachtsabend wachte ich auf, zog ich mir ein Cocktailkleid an, nahm Haltung an und ging auf eine Party.
Der Doc erteilte mir Arbeitsverbot und ich tat bis in den Frühling hinein nichts, außer essen, schlafen und das Internet leerlesen. Der bremsende Zug war endlich zum Stehen gekommen.
Ich fand einen Mann und ein Mann fand mich. Eine neue Liebe begann, so schön wie anstrengend. Wir waren vorsichtig. Er war genauso wie ich durch eine schwere Zeit gegangen und hatte wenig Kraft.
Ich arbeitete wenig und am Ende des Sommers wollte ich noch einmal eine vollständige Arbeitspause machen, denn es gab immer wieder Momente, in denen ich mich ausknockte, Panikattacken bekam, taub war vor Tinnitus oder einfach in Ohnmacht fiel.
Genau in diesem Moment kam der Anruf einer Freundin, dass sie einen Job für mich hätte. Die Eitelkeit siegte, denn es war eine Herausforderung. Zwei Monate lang arbeitete ich einen Tag und ruhte mich am nächsten aus. Als die Chefin anrief und meinte, sie bräuchte diese neumodischen Internetsachen nicht so häufig wie geplant und ausreichend bezahlen könne sie mich auch nicht, war ich froh. Ich war am Ende meiner Kraft.
Ich trat wieder einige Monate kürzer und entdeckte, dass die Tätigkeit, die ich 15 Jahre ausgeübt hatte, eine gute Grundlage für einen ruhigen Beruf ist, der auf der Basis meiner Erfahrungen wenig Kraft kostet. Diesmal war ich vorsichtig. Ich konnte nicht noch einmal losstarten, um dann zu versagen.
Ich wollte nicht mehr viel. Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, nicht frieren, für alles andere hatte ich Freunde und den Mann. Manchmal habe ich Schuldgefühle, auf Kosten von anderen zu überleben. Kriegsopfermentalität. Als Opfer des eigenen Krieges.
An guten Tagen bin ich voller Ideen und Kraft und vieles gelingt mir. Nur einen Tag später ist das alles vorbei. Dann muss ich schlafen oder habe schon bei dem Gedanken, eine Arbeit zu beginnen, Angst. Mir wird übel und etwas drückt mich nieder.
Ich stand wie blockiert vor meinem neuen Leben. Im Frühjahr dieses Jahres gestand ich es mir ein: Ich werde wohl auch in absehbarer Zeit nicht mehr als drei Stunden am Tag arbeiten können. Ich bin Invalidin statt Veteranin.
Meine nächstes Vorhaben war es, mir meinen Status anerkennen zu lassen. Für das Ausfüllen aller Formulare brauchte ich drei Monate.
Einer der beteiligten Ärzte knausert mit der Unterstützung dieser Pläne. Da ich vor einem Jahr alle Psychopharmaka abgesetzt habe und sein Lieblingsmedikament konsequent verweigere, weil ich der Meinung bin, es verändert meine Persönlichkeit zu stark, zähle ich für ihn als Verweigerin.
Es wird sich zeigen, was passiert.

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